Khaled´s Song „Aicha“ und die regressive Cover-Version von Outlandish

Cheb Khaled ist einer der prominentesten Vertreter der algerischen Rai-Musik, sehr bekannt von ihm ist z.B. sein großer Hit “Didi“.
1986 zog Khaled nach Frankreich, da in Algerien die Islamisten immer stärker wurden, und vor ungefähr zehn Jahren riskierte er einiges an Problemen in der arabischsprachigen Welt, weil er mit der israelischen Sängerin Noa zusammen eine Coverversion von John Lennon´s „Imagine“ sang, wobei Noa hebräisch sang und Khaled auf arabisch. Ich habe gehört, dass Khaled dabei John Lennon´s Textzeile „Imagine no religion“ so nicht 1:1 mit übersetzt haben soll, aber alleine die Tatsache, dass ein Superstar der arabischen Musik mit einer Israelin zusammen singt und tourt war natürlich schon etwas Spektakuläres in sich… :

1996 kam Khaled´s Album „Sahra“ heraus, es enthielt auch den Song „Aicha“, welcher international ein Riesenhit wurde. Der Song selbst ist von Jean-Jacques Goldman geschrieben worden. Wikipedia schreibt über den Song u.a.: „Das Lied handelt von einer Frau namens Aïcha, die von einem Mann umworben wird. Er verspricht ihr Perlen, Juwelen, Gedichte sowie andere Luxusgüter und romantische Dinge, worauf sie erwidert:

Sie sagte mir: ‘Behalte deine Schätze
ich bin mehr wert als all das
Käfige sind Käfige, selbst wenn sie aus Gold sind
Ich möchte dieselben Rechte wie du
Und Respekt an jedem Tag
Ich möchte nur Liebe.’

Elle m’a dit : ‘Garde tes tresors
moi je vaux mieux que tout ça
Des barreaux sont des barreaux, même en or
Je veux les mêmes droits que toi
Du respect pour chaque jour
moi je ne veux que de l’amour.’“

Die Textzeilen „Käfige sind Käfige, selbst wenn sie aus Gold sind / Ich möchte dieselben Rechte wie Du“, welche zu Aisha´s Part im Song gehören, haben einen einfach zu verstehenden, emanzipatorischen und fortschrittlichen Gehalt, den man hier nicht weiter erläutern muss, und es ist einfach nur schön, auf youtube-Videos zu sehen, wie ein Massenpublikum live den Song in der Version von Goldman und Khaled mitsingt.

In dem offiziellen Musikvideo von Khaled sehen wir Aicha als so eine Art schöne Revue-Tänzerin der 20-Jahre Filme. Es werden in dem Video keinerlei religiöse Symbole gezeigt, und Aicha genießt frei und unbeschwert ihren Tanz:

Hier ein Live-Video, Khaled und Band performen „Aicha“ in Algier.

…und dieses Video hat eine grottige Qualität, man hört aber sehr gut, wie begeistert das Publikum den Text mitsingt.

Soweit so gut, ein schöner Song mit einer fortschrittlichen Message im Text, ein Klassiker. Alles soweit o.k., bis dann die dänischen Religions-Rapper von Outlandish kamen, die den Song komplett verhunzt haben, und damit 2003 international einen Riesenerfolg hatten, und europäische Kulturrelativisten überschlugen sich dann in ihrer Begeisterung für Outlandish.

Outlandish haben den Text geändert, da ist keine Rede mehr von dem Freiheitswillen der Aicha, die gleiche Rechte will, stattdessen erscheint die Outlandish-Aicha als ein zartes, schutzbedürftiges Wesen, welches Führung durch Mackertypen wie die Rapper von Outlandish benötigt, und die eine starke Schulter als Zuflucht braucht, und welche als solch keusches Wesen natürlich auch Gottes Segen hat, und jeden Tag in Gottes Namen beginnt:

„She holds her child to her heart
Makes her feel like she is blessed from above
Falls asleep underneath her sweet tears
Her lullaby fades away with his fears

She needs somebody to lean on (lean on, lean on)
Someone body, mind & soul (body, mind & soul)
To take her hand, to take her world
And show her the time of her life, so true (true)
Throw the pain away for good
No more contemplating boo (contemplating, no more contemplating boo)

Lord knows the way she feels (I wonder)
Everyday in his name she begins
To have her shining here by my side
I’d sacrifice all damn tears in my eyes, ohh
Aicha Aicha – écouté-moi (let’s do this)“

Das offizielle Musikvideo zu der Outlandish-Version von „Aicha“ strotzt nur so von der Bildersprache der regressiven Islamo-Rapper-Dumpfbacken, die mit ihrem machohaftem „Alles unter Kontrolle“-Blick durch ihr „Ghetto“ patroullieren, wo sie für Zucht und Ordnung sorgen, und auch mal einem Mütterchen dabei helfen, heruntergefallene Einkaufssachen wieder aufzusammeln.

Wie es sich für so eine Traumwelt aller antiimperialistischen linksdeutschen Friedensfreunde gehört, tanzt die Aicha von Outlandish auch nicht frei durch die Gegend wie die von Goldman und Khaled, sondern geht brav ihren Pflichten nach, natürlich mit Kopftuch.
Outlandish ist ein Trio, zwei der Mitglieder sind Muslims, einer ist ein Katholik, geboren in Lateinamerika, und hier kann man auch noch ganz andere herzerfrischende Sachen lesen, wie sich die Religiösität von Outlandish auch mal äußern kann.
Und so trägt Aicha am Anfang des Videos ein Kopftuch, am Ende des Videos nicht, sondern es hängt ein Kruzifix an der Wand (eigentlich auch schon von der Abfolge her ganz klar böses Haram: Abfall vom Islam und Konvertieren zum Christentum ist im Islam nicht vorgesehen und dort, wo die Religion des Friedens was zu sagen hat, steht auf Verlassen des Islams die Todesstrafe, da haben die Umma-Rapper von Outlandish die Sache wohl etwas schleifen lassen…ts, ts, ts… ). Wenigstens muß das ja natürlich auch die Herzen aller linken und grünen Kulturfreunde höher schlagen lassen, so ein Musterbeispiel an interreligiöser Dialog- und Toleranzbereitschaft: Hauptsache es wird geglaubt, und Hauptsache die brave Aicha kümmert sich um die Kinder, während die rappenden Macho-Dumpfbacken von Outlandish im Cafe abhängen, und dann mal draußen ihre Visagen zeigen, eben quasi um zu checken, ob in ihrem „Ghetto“, bzw. ihrer “Community”, alles unter Kontrolle ist.

Das ist das gezeigte Prinzip der regressiven Elendsverwaltung at its best, und sowas zog natürlich links-kulturrelativistische Begeisterung auf sich. Zum Glück leben Outlandish in Dänemark, ansonsten hätte man sie hierzulande sicher schon in Talkshows und Nachrichtensendungen als Integrations-, Menschenrechts- und Antirassismusexperten herumgereicht, sie hätten vielleicht schon längst eine Kolumne in der taz oder der Süddeutschen gehabt, oder man hätte sie in den Reichstag eingeladen, um einen Dialog mit ihnen zu führen, um sich mit ihnen beim Händeschütteln abknipsen zu lassen, usw…, usw….

Tom Silvest

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4 Responses to Khaled´s Song „Aicha“ und die regressive Cover-Version von Outlandish

  1. BillBrook says:

    Mein persönliches Lieblingsvideo dieses Songs ist diese Liveversion von 2007 aus Algier. Nach dem in Algerien die Islamisten zurückgeschlagen werden konnten, wenn auch unter gigantischen Opfern, kehrt Khaled nach Algier zurück und gibt da ein Konzert, das vor Lebensfreude nur so sprüht.

  2. BillBrook says:

    Ich habe gesehen, Tom, dass du genau das Video schon selbst in den Artikel gesetzt hattest. Seis drum, es ist sowieso ncht verwunderlich, in keinem anderen Video von Khaled kommt der Kommentar der algerischen Menschen zu Zwangsverschleierungen, Tugendtterror und sonstigen islamischen Zumutungen so deutlich raus wie hier:

    Leckt uns am Arsch!

  3. watersky7557 says:

    Reblogged this on airwaterfresh and commented:
    Was für ein schöner Beitrag – herzlichen Dank! ♥

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